Dienstag, 13. September 2011

Münster Marathon 2011 - Mal gewinnt man, mal verliert man

Es war hart. Sehr hart. Und ich war mir die ganze Zeit bewusst, dass meine Vorwettkampfzeiten klare Worte sprachen "Unter 3 Stunden ist noch nicht machbar". Andererseits verlief das Training gut. Den letzten Testwettkampf musste ich verletzungsbedingt bleiben lassen. Die Fragen in meinem Kopf waren also: "Wie ist der aktuelle Stand? Ist die Zeit möglich, oder nicht?" Mir war klar, dass die Chancen bei etwa 50 % standen, mein Ziel zu erreichen. Aber ich will doch...
Noch im roten Startblock, direkt hinter den Eliteläufern, sagte ich zu Dirk: "Du, ich glaube das wird heute nichts. Ich will das zu sehr". Diese Aussage traf ich aus Erfahrung, denn wann immer ich mir einen solchen Druck auferlegte, tat das Ergebnis ganz schön weh. Laufe ich hingegen ohne Druck und entspannt nach Gefühl los, kommen dabei oft unerwartete Bestzeiten heraus. Aber heute wollte ich einfach nicht vernünftig sein - und das ganz bewusst.

Ich lief entsprechend der mir gesetzten Ziele relativ flott los. Den ersten Kilometer passierte ich bereits nach 4:08 Min. Der Start im ersten Startblock sorgte dafür, dass nicht viele "Bremser" im Weg standen. Ich konnte von Anfang an mein Ding machen. Ich merkte wie mir das Tempo von unter 4:15 Min/KM nicht ganz so leicht viel. Machbar war es, aber der Puls von 170 Schläge/Min sagte alles. 170 Schläge/Min, das ist exact der Pulswert, die bei der jüngst durchgeführten Leistungsdiagnostik als Anaerobe Schwelle ermittelt wurde. LIMIT! Eine Marathonzeit von 3:10 Std. +-5 Minuten prognostizierte mir die Computerauswertung. Aber wenn ich doch "nur" am Limit laufe und nicht drüber? Das sollte doch klappen?
Bei KM 16 hörte ich jedenfalls einen Satz, den habe ich so noch nie gehört: "Der sieht aber schon ganz schön fertig aus!". Ganz schön fertig. Wen meint die? Vor mir 10 Meter Abstand zum nächsten, hinter mir auch. Neben mir lief auch niemand. Galt das mir? Na ja, so ganz frisch fühlte ich mich nicht mehr, aber bei KM 16?

Bei KM 19 habe ich an den 3 Stunden Pacemaker aufgeschlossen. Er zog eine ganze Traube Läufer mit sich. Dort konnte ich mich im Windschatten verstecken, was nicht wirklich etwas brachte. Ich setzte mir das Ziel, wenigstens den Halbmarathon in unter 1:30 Std zu schaffen.
Halbmarathon in 1Std. 29 Min. Wow, die Pacemaker laufen wie ein Uhrwerk. Das habe ich selten erlebt.

Beim Staffel-Wechselpunkt rufen mir unsere Staffelläufer zu und lügen mir glatt ins Gesicht "Das sieht noch gut aus!". Gelogen. Glatt gelogen! Obwohl ich mir der Lügen bewusst war, war es dennoch genau das, was ich hören wollte. Beim Wehrdienst habe ich gelernt, dass man einem schwer Verletzten niemals das wahre Ausmaß seiner Verletzung beichten darf. "Eine Fleischwunde", "Halb so schlimm". Dass ihm beide Beine fehlen, will und darf der Verletzte jetzt nicht hören. Danke für Eure Unterstützung!

Nächstes Ziel: Du hältst das Tempo bis KM 25, dann lässt Du Dich zurückfallen. Es gelang mir das Tempo bis KM 25 zu laufen. Zu meiner Verwunderung lies ich mich wirklich ab KM 25 zurückfallen. Keine neuen Ziele? Was war nur los mit mir? Ganz klar: Das gesteckte Ziel konnte nicht mehr erreicht werden. Und neben den Säcken an den Füßen und dem Feuer auf den Oberschenkeln machte mir zunehmend auch der Kopf zu schaffen. Es stellte sich eine "Sch...egal" Stimmung ein. Ein letzter Funke Ehrgeiz gab mir dann aber doch die Kraft mich bis ins Ziel zu schleppen - egal wie lange es dauert.

Tempo aufnehmen, Gehen, langsam traben - ich quälte mich weiter. Bei einem Verpflegungsstand bei KM 35 sah mich eine Helferin mitleidig an. "Es geht nicht mehr und ich will auch nicht mehr!" rief ich ihr mit gesenktem Haupt zu. Die Zweizentnerfrau aber konterte unbeeindruckt "Es ist nicht wichtig, wann Du ankommst. Es ist wichtig, dass Du ankommst". Wie recht diese Frau hat. Ich drehte mich ein weiteres Mal um und dankte ihr. Und ich lief weiter. Ohne Druck. Einfach bemüht den einen Fuß vor den Anderen zu setzen. Wann ich ankomme ist egal. Aber das ich ankomme, das ist sicher!

Auf den letzten Kilometern begleitete mich ein Läufer namens Reiner. Auch er wollte unter 3 Stunden laufen und musste sein Ziel aufgeben. Im Gegensatz zu mir hatte er aber noch Spaß. Er schien keine Schmerzen zu haben. Wo ich die Zähne zusammenbeißte, spielte er mit dem Publikum. So wie ich es sonst tue. Verkehrte Welt! Aber mit Reiner's Motivation läuft es sich gleich viel leichter.

Ab KM 40 wurde es wieder besser. Nicht die Beine, aber der Kopf. "Fertigmachen! Jetzt wird gefeiert" machte ich mich selbstmotivierend bereit für den Zieleinlauf. Das Publikum wird dichter und mit Hilfe der schon längst als verpufft geglaubten Energie hob ich immer wieder die Arme und forderte das Publikum auf uns zu feiern. Das Gefiel offenbar und so liefen Reiner und ich im Jubel den immer schmaler werdenden Pfad entlang. Auf der Ziellinie hätte ich sogar noch die Energie gehabt etwas zu beschleunigen, aber nein. Es ging doch um nichts. Lasse Dich Feiern, Du hast es Dir verdient! Also zog ich auf den letzten Metern mein Shirt aus und wirbelte es vor Freude durch die Luft. Vor der Zielmatte hielt ich kurz an. Unbeeindruckt davon, dass mich jetzt noch 2,3 Läufer überholten, machte ich es wie der Papst und küsste den Boden, weil es mir erlaubte war, auch diesen Marathon zu beenden.
Sofort tat nichts mehr weh. Die Anstrengung war schlagartig vorbei. Der Kübel kaltes Wasser, den ein Helfer über meinen Kopf entleerte, war erfrischend und unbezahlbar. Wenige Augenblick später hing eine Medaille um meinen Hals und ich wusste wieder einmal: "Marathonlaufen ist fantastisch".

Der Enttäuschung über das nichterreichte Ziel "sub 3 Std" stand eine fantastische Grenzerfahrung und eine eigentlich gar nicht mal so schlechte Endzeit von 3:07 gegenüber. Meine immerhin zweitschnellste Marathonzeit bis heute. Der nächste Marathon wird wieder mehr "mit dem Kopf" gelaufen.

2 Kommentare:

ReinhardHuber hat gesagt…

Man liest deine Qual aus deinen Zeilen heraus und leidet förmlich mit. Aber ich denke, dass du unter diesen Bedingungen mit dieser Zeit mehr als zufrieden sein kannst!
daher GRATULATION!!

Heiko Thoms hat gesagt…

Danke Reinhard!
das Wetter war schwül, das Anfangstempo etwas zu hoch, die Motivation zu groß. Drei Zutaten, die meiner Erfahrung nach nicht zu Bestzeiten führen, diese zumindest nicht begünstigen. Die genauen Gründe werden wir nie erfahren. Das ist Marathon. Immer der Faktor X dabei. Kein Lauf ist wie der Andere.
Unterm Strich bin ich sehr zufrieden mit der Zeit. 3:07 ist für mich eine gute Zeit. Lediglich im April diesen Jahres war ich schneller unterwegs. Du hast völlig recht. Das ist stöhnen auf hohem Niveau. Danke für Deine Motivation!
Heiko

Läuferweisheit

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