Montag, 18. Mai 2009

Karstadt Marathon 2009 – Trotz Verzögerung und Regen gut gelaunt!


Der Karstadt-Ruhr-Marathon ist das größte Laufevent des Ruhrgebiets. Über 15.000 Athleten nahmen am vergangenen Sonntag, den 17. Mai an den verschiedenen Veranstaltungen teil. Neben dem Marathon als Hauptattraktion wurden u. a. Halb-Marathon, Inline-Marathon und Skater-Marathon angeboten. Erstmals startete auch eine Schüler-Staffel.
Dieses Jahr war einiges neu. Halbmarathon und Marathon starteten an verschiedenen Orten, dafür war das Ziel am Limbecker Platz in Essen dieses mal ein gemeinsame Ziel. Gemeinsames Ziel? Das war auch schon in den vergangenen Jahren etwas besonderes. Denn seit 2005 wird der Karstadt-Marathon als weltweit einzigartiger "Twin-Marathon" durchgeführt. Dabei handelt es sich um zwei getrennt gewertete Marathons, die zur exact dem gleichen Zeitpunkt durchgeführt werden. Der Eine startet in Oberhausen, der Andere in Dortmund. Nach ca. 30 Kilometer treffen sich beide am "Come-Together-Point" und die Läufer laufen gem
einsam die restlichen 12 Kilometer zum Ziel nach Essen.
Prominentester Läufer am Start dürfte dieses Jahr Reiner Callmund alias „IronCalli“, begleitet von Joey Kelly, gewesen sein. Tapfer wagte er sich auf die Halbmarathon-Walking-Strecke, die er in ca. 3,5 Stunden absolvierte. Auch der Marathon-Streckenrekord musste daran glauben. Mit einer Zeit von 2:09:21 Stunden lief der Kenianer Samson Bungei auf Sieg.

++++ Mitten statt nur dabei! ++++
++++ Der Karstadt Marathon aus der Sicht eines Hobbyläufers ++++

Es ist Sonntag morgen. Um 7 Uhr nervt der Wecker. "Regnet es noch?" fragt Katrin im Halbschlaf. Soll es doch regnen, denke ich. Wir haben doch Wochenende! Für gewöhnlich drehe ich mich Sonntags um diese Zeit noch einmal um, denn früh aufstehen kann ich während der Arbeitswoche oft genug. Aber da war doch was - ja genau! Es ist Marathon-Tag!
Der Gedanke, die Straßen entlang zu laufen und den Zuschauermassen zuzuwinken, motiviert mich aufzustehen. Irgendwie gelingt es mir Brötchen in den Ofen zu schieben und die Kaffeemaschine um das ersehnte Schwarze zu erpressen. Den Kopf unters kalte Wasser gesteckt, dann die Zähne geputzt. Duschen? Brauche ich heute morgen wohl nicht wirklich. Wie Cola und Banane auf mein Shirt kommen, muss ich nachher eh erklären. Das bleibt nicht aus, wenn man versucht im Laufschritt die Energiereserven aufzufüllen. Und wenn ich auch ein bisschen stinken sollte, der Wind trägt es weg.
Die Brötchen sind verputzt und den Kaffee habe ich auf. Den Kaffee habe ich zwar öfter auf, aber dieses mal ist es wörtlich gemeint, nicht im übertragenen Sinne. Jetzt noch die Brustwarzen abgeklebt, den Pulsbrustgürtel umlegt und den Schuh auf guten Sitz überprüft - ich glaube, es kann losgehen.
Katrins Arbeitsstelle liegt ganz in der Nähe vom Startbereich in Lütgendortmund. Das erspart uns einen nicht zu unterschätzenden Stressfaktor - die Parkplatzsuche. Nur etwa 5 Minuten Fußweg und wir sind im Startbereich. Dixi-Klos sind ausreichend vorhanden. Meine nervöse Blase hat sie längst gesichtet. Freundliche LKW-Männer nehmen die Kleiderbeutel in Empfang und transportieren sie zum Zielbereich. Das ist bequem, denn so brauche ich mich erst jetzt von meiner wärmenden Jacke trennen.
Noch fünf Minuten bis zum Start. Wir machen noch schnell 2, 3 Fotos und dann ab in den roten Startblock. Ich fasse es nicht, ich stehe direkt hinter den Top-Athleten! Mit meinen anvisierten 3 Std. 15 gehöre ich heute zu den vorderen 10 %. Bei meinem Marathon-Debüt in 2004, ebenfalls hier in Dortmund, konnte ich das Start-Banner nur von großer Ferne erahnen, ehe ich es 7 Minuten nach dem Schuss passierte.
Der Countdown läuft, noch 3 Minuten, noch 2, noch eine… dann eine Durchsage: Der „Start verzögert sich wegen Verkehrsproblemen in Bochum“. Der Start wird verschoben? Was los ist und wie lange dauert es? Darüber gibt es keine Auskunft. Erst später sollten wir erfahren, dass in Bochum nicht genug Streckenposten platziert waren und deswegen keine Starterlaubnis erteilt wurde. Die Sicherheit geht vor. Die Top-Athleten leisten sich zum vermeintlichen Startzeitpunkt einen Fehlstart. Sie liefen einfach los – ohne Startschuss. Ein Radfahrer fing sie schnell wieder ein – Irre.
Die Verzögerung zieht sich weiter hin. Frierende Kenianer, denen wärmende Mäntel und schützende Schirme gehalten werden zieren die Straße. Das Publikum zeigt Solidarität mit den Läufern und reichen den leicht bekleideten Dünnen Ihre Jacken. Egoismus Fehlanzeige! Die Zitterpartie im kalten Regen dauert ca. 45 Minuten. Wir Läufer finden das nicht gut, tragen es aber mit Humor und versammeln uns unter Schirmen und Planen. Wenn so viele Menschen so dicht zusammenrücken, dann ist es auch nicht mehr kalt. Endlich – Der Start wird neu angekündigt und schon fällt der Schuss. Etwa einen Kilometer kann ich die Spitze noch sehen, dann ist sie weg. Für mich eine unvorstellbare Leistung, die diese Läufer da erbringen.
Nach ein paar Kilometern treffe ich Claudia Weber und Thomas Wenning. Zwei Extremläufer aus der Region, die ich regelmäßig in den Medien sehe. Mit Thomas hatte ich bereits einmal nach meinem Zieleinlauf beim Karstadt-Marathon 2007 das Vergnügen. Ich traf den mir damals noch Unbekannten mit einem 1-Liter Glas Erdinger Alkoholfrei. Als ich ihn fragte, was ich tun müsse um auch ein solches zu bekommen sagte er "16 Marathons in 16 Tagen in den 16 Bundesländern laufen". Ich überlegte kurz und entschied mich dann doch dafür, mein Erdinger wie alle Läufer aus einem simplen Plastikbecher zu genießen. Beide wollen es heute ruhig angehen lassen und die Atmosphäre genießen. Claudia läuft heute ihren 300. Marathon. Wir reden ein paar Minuten, ehe ich mich mit den Worten "Viel Erfolg!" verabschiede. Reden kostet mich Kraft, die ich nachher noch brauchen werde.
Die Bochumer Opel-Werke öffnen die Tore für uns. Ein Highlight, das ich schon bei meinem Marathon-Debüt in 2004 erleben durfte. Seit dem führte die Strecke leider am Werk vorbei. Eine positive Stimmung trägt uns durch die in ein klassisches Konzert verwandelten Hallen. Opel-Beschäftigte winken und scheinen für einen Moment die schweren Zeiten Ihres Arbeitgebers hinter sich zu lassen.
Strahlende Gesichter, denen ebenso strahlende Gesichter entgegen laufen.
Auf der Strecke erwarten uns noch weitere Highlights, u. a. Zeche Zollverein. Unbeschreiblich sind auch die Menschen und ihr Lokalpatriotismus. "Wir sind Wanne-Eickel!" höre ich rufen. In Bochum ertönt eine Geräuschkulisse mit, na was schon, Herbert Grönemeyer's "Bochum“!
Zahlreiche Sambagruppen und Musiker säumen die Strecke. Ein Saxofonspieler begleitet mich unter einer Brücke ein paar Meter und betont jeden Schritt von mir mit einem „Tuuut, Tuuuut, Tuuuuut, Tuuuuuut!“ Kinder strecken ihre Hände aus und warten auf einen Abklatsch. Schilder motivieren mit Sprüchen wie "Wecke den Haile in Dir!".
"Endlich mal einer der noch lächelt" und "der sieht aber noch gut aus" höre ich immer wieder - leider nur die ersten 30 Kilometer. Dann wird es anstrengend, was man mir offensichtlich auch ansieht. Meine Fortbewegensmittel verweigern den Dienst. Ich sehe nach, aber da hat sich keiner dran gehängt. Die Schuhe sehen auch normal aus, aber warum werden sie dann so schwer? Ein, zwei Kilometer lasse ich mich überrumpeln und drossle das Tempo. Dann beschließe ich aber das zu tun, was ich bei meinen Läufen gelernt habe: Der Kopf entscheidet was geht, nicht die Beine und nicht die Schmerzen. Ich lenke mich ab so gut es geht und trage mich Richtung Ziel. Auf Abklatschen verzichte ich die nächsten Kilometer.
40 Kilometer – wie lange habe ich auf dieses Schild gewartet. Ich bin da! Im Training brauche ich diese Strecke um mich warm zu laufen, mindestens. Das Tempo erhöhe ich nicht. Ich bin heute nicht hier um meine persönliche Bestzeit zu laufen. Das habe ich vor 4 Wochen in Wien getan. Heute heißt es gesund ankommen und im Ziel lächeln. Also schone ich meine Kräfte.
Das Ziel ist nahe. Hinter jeder Kurve vermute ich es. Warum sind denn die 2 Kilometer so weit? Da hat sich doch einer vermessen? Es wird lauter. Ich höre Ansagen übers Mikrofon. Ich muss da sein. Das Banner mit der Aufschrift „Ziel“. Ich sehe es schon. Die Leute jubeln. Ich winke ihnen zu – und so mehr ich winke, desto mehr jubeln sie. "Heute ein König" fällt mir dazu spontan ein.
Den letzten Kilometer gilt es zu genießen! Ich habe mir angewöhnt irgendetwas Ungewöhnliches beim Zieleinlauf zu machen. Mal lief ich rückwärts, mal schlug ein einen Purzelbaum auf der Ziellinie. Einmal legte ich mich flach auf den Boden und „robbte“ mich über die Matte, wie bei den Übungen im Wehrdienst. Ich entscheide mich stets spontan erst während des Laufes, was ich dieses mal machen könnte. Heute reiße ich mir mein nasses Shirt vom Körper, wedele es in der Luft, wie es wohl eine Putzfrau auf XTC nach zuviel Abba-Musical mit ihren Wischmopp tun würde, und renne mit der vom Nummernband gehaltenen Startnummer auf dem nackten Bauch die letzten 200 Meter bis ins Ziel.
Die Uhr zeigt 3 Stunden, 14 Minuten und ein paar Sekunden an. Das ist meine zweitbeste Zeit und ich bin sehr zufrieden. K.O., aber glücklich. Die Schmerzen sind sofort vergessen und ich nehme meine Medaille in Empfang.
Man gratuliert sich gegenseitig für die hervorragende Leistung. Es gibt keinen „Unbekannten“ unter uns „Finishern“ Heute sind wir eine große Familie. Wir haben alle großartiges geleistet und mussten alle durch unsere persönliche „Hölle“, das verbindet!
Während ich die lange Verpflegungsstraße entlang gehe und mich verwöhnen lasse, die Zielverpflegung beim Karstadt-Marathon ist wirklich legendär, ruft mir eine Brücke meinen Namen entgegen. Ein Blick, ein Lächeln - Es ist Katrin, die auf mich wartet. Gleich hat sie mich wieder. Einen letzten Halt mache ich noch, bevor ich für sie da bin – bei den Massagen. Die beiderseitige Freude ist groß und es wird nie trivial. Marathon laufen ist etwas fantastisches!
Zuhause erwartet mich noch ein heißes Bad und eine Pizza Salami. Worauf warten wir also noch? Ab nach Hause!
Nach dem leckeren Essen wage ich einen Blick ins Internet. Die Ergebnisse sind online. Ich sehe zuerst weit unten nach, aber was sehe ich da? Ich stehe auf Platz 68 in der Gesamtwertung. Stolz wie Oscar summe ich den Abend „68“ vor mich hin, bis ich müde aber zufrieden ins Bett falle.
Ich habe schon viele Läufe erlebt, dies war mein 19. Marathon, aber diese Strecke ist ein echtes Unikat und ein Muss für einen Marathon-Läufer! Ob Hamburg, Wien oder Palma de Mallorca. Alle Läufe haben ihre Berechtigung. Ich werde aber immer diesen einen in meiner Jahresplanung berücksichtigen.
Die Ergebnisse, Finisher-Clips und offiziellen Bilder gibt es hier:

Läuferweisheit

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