Sonntag, 21. Oktober 2007

Packender Inselmarathon auf Mallorca

Insgesamt 5.065 Teilnehmer verzeichnete der Tui-Marathon Palma de Mallorca am 21.10.2007. Davon wagten sich 1.219 auf die Gesamtdistanz von 42,195 Kilometer.
Marathon: 1.219(995 m + 224 w)Halbmarathon: 2.419 (1.683 m + 736 w)10 km: 995(541 m + 454 w)Kids run: 432

Früh aufstehen hieß es auf Mallorca. Um 9 Uhr sollte der Startschuss fallen. 5.40 Uhr ging also der Wecker. Schlaftrunken raus aus dem unbequemen Hotelbett. Gut geschlafen hatte ich eh nicht.
Ab unter die Dusche, danach die Freundin geweckt. Gequältes Gähnen kommt mir entgegen und ich spüre einen Hauch von schlechtem Gewissen. Kann Katrin doch meine Leidenschaft für's Laufen nicht nachvollziehen. Es hilft nichts. Da muss sie jetzt durch. Schließlich haben wir eine Verabredung getroffen, dass Sie mich fährt. Diesen Luxus nehme ich heute gerne in Anspruch.
Auf zum Frühstück. Eigentlich gibt es Frühstück erst ab acht. Für Abreisende bereitet das Hotel aber üblicherweise ein etwas "abgespecktes" Buffet vor. Jedenfalls kenne ich das so von meinen bisherigen Reisen. Wir haben Glück, tatsächlich finden wir etwas essbares vor, wenngleich der Kaffe selbst aufgegossen werden muss. Hmm... Instant-Kaffee und Brot mit Marmelade. Na ja, besser als nichts.

Kurz nach sieben sind wir unterwegs. Es ist kalt. Kalt und Dunkel. 7 Grad. Der Wettermann ist sich seiner Sache seit Tagen nicht sicher. Bei jedem Gang zum Radio gibt's was Neues. In einem Punkt scheint er sich jedoch sicher zu sein: Wir saufen heute nicht ab. Das ist nicht etwa selbstverständlich. Nein, in den letzten 14 Tagen wüteten schwere Unwetter mit Tornados über Palma und die ganze Stadt ist buchstäblich baden gegangen. Ich habe das Unwetter am vergangenen Mittwoch selbst miterlebt, bei einer kleinen Joggingrunde am Strand, dem bekannten Playa des Trenc. Innerhalb weniger Minuten zog sich der Himmel zu und es war mir als wäre ich in einen Tunnel gelaufen. Nur der Donner, die Blizte und der immer heftiger werdende Regen machten mir unmissverständlich klar, ich bin draußen. Irgendwie komisch. Ich verabschiedete mich noch mit den Worten "Hoffentlich regnet es ein wenig. Dann sind die Straßen immer so schön menschenleer". Ich liebe es im Regen zu laufen. Die Luft ist frisch und man fühlt sich lebendig. Heute aber soll es tatsächlich trocken sein. Gegen Nachmittag eventuell Regen.

Wir waren zwar am Freitag schon einmal in Palma. Aber weder Katrin noch ich waren vor diesem Urlaub schon mal auf Mallorca. Da erschien es uns nur konsequent die örtlichen Gegebenheiten vor ab zu erkunden, damit wir uns am Sonntag bei der Anreise orientieren können. Ein Besuch auf der etwas klein ausgefallenen Marathonmesse zwecks Abholung der Startunterlagen ergänzten den Tag sinnvoll. Dumm nur, dass wir mit den Bus gefahren waren.


Welche Ausfahrt hatte die Reiseleitung doch gleich empfohlen? Mist - diese jedenfalls nicht. Mitten im Industriegebiet gelandet und verfranzt entschuldigt sich Katrin für das falsche Abfahren. Dabei trifft sie doch die wenigste Schuld. Bin ich doch dieses mal der Beifahrer, der gefälligst den Weg zu weisen hat. Dass ich mir vor wenigen Tagen ein neues Navigationssystem gekauft hatte, welches natürlich zuhause blieb, ärgerte mich besonders. Macht doch nichts, wofür gibt es denn den Passanten-Joker?
Wenn ich eines bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär" gelernt habe, dann ist es dass das Publikum nicht immer, aber doch meistens recht hat. Frohen Mutes stieg ich aus dem Auto um von einem älteren Herrn zu erfahren, wo ich mich gerade befinde. Dass ich kein Spanisch spreche, sollte kein Problem sein, denn schließlich habe ich ja einen Stadtplan und muss lediglich wissen wo ich mich gerade befinde. Er brauchte also nur mit dem Finger auf eine Stelle zu tippen und ich habe meine Orientierung wieder. Was dann folgte kam mir allerdings spanisch vor. Wie ein Wasserfall brabbelte der Herr los und zeigte mit dem Finger auf die Kathedrale, den Palast, den Hafen und nannte ein paar Vororte. Aha, alles Klar! Jetzt kenne ich ganz Plama. Dumm nur, dass ich kein Spanisch spreche. Ich unternahm noch mehrere Versuche ihm mein Anliegen zu erläutern in dem ich auf verschiedene Punkte auf der Karte zeigte und dabei mit den Schultern zuckte. Aber das kam wohl dem älteren Herrn spanisch vor. Schulterzucken ist doch international? Nachdem der Herr immer wieder anfing zu erzählen und ich immer wieder nichts verstand, klopfte ich ihm freundlich auf die Schulter, sagte "Mucho Gracias" und stieg ins Auto. Zwei Minuten darauf waren wir auch schon am Hafen von Palma, wo etwa eine Stunde später der Inselmarathon starten sollte. Nur wurde der Verkehr umgeleitet, die Strassen wurden schließlich für den Lauf gesperrt. Blechlawienen schoben sich unruhig über den Asphalt.
Wie ein blindes Huhn auch mal ein Korn findet, fanden wir direkt an der Strandpromenade, unweit vom Startbereich, zwischen den ganzen Absperrungen einen einzelnen freien Parkplatz. Mein Glück nicht fassend sprach ich einen für die Verkehrsregelung abgestellten Ordner an, ob ich hier stehen drüfte. Wie lange? Ich laufe beim Marathon mit. "No Problem" antwortete er mir freundlich.


Nahe des Startbereichs war alles sehr ruhig. Von Stress war nichts zu spüren. Auch Katrin durfte mit kommen. Lediglich der Startbereich selbst war für Passanten und Begleiter nicht zugänglich. Also den Kleiderbeutel abgegeben, Umkleidemöglichkeiten und Duschen für nachher erspäht und ein letzter Gang zum Dixi.


Etwa zehn Minuten vor dem Start reihte ich mich durch einen der vorgeshenen Durchlässe in der sonst undurchdringbaren Straßenabsperrung in dem für mich vorgesehenen Block C ein. Block C - warum eigentlich Block C? Beim Marathon werden, sinnvoller Weise die Läufer in Leistungsklassen eingeteilt. Je nach Größe des Laufes gibt es dann einen einzigen, oder mehrere Blöcke. Im Block A starten die Top-Läufer. Im letzen Block üblicher Weise die Anfänger und die langsamen Läufer. Man gibt hierfür bei der Anmeldung an, welche Zeit die persönliche Bestzeit ist. Manchmal, wie beim Tui-Marathon, gibt man zusätzlich an, welche Zeit man zu laufen beabsichtigt. Da ich beim Münster Marathon am 9.September diesen Jahres meine persönliche Bestzeit gelaufen bin (3:38:55), womit ich im ersten Viertel des Feldes landete, hatte ich den Block B erwartet. Ich drängelte mich so gut wie es ging nach vorne und sah ein, dass ich das Feld von hinten aufräumen musste. Ärgerlich, wenn man dann feststellt, dass immer wieder Leute überholt werden müssen, die wirklich sehr, sehr langsam sind und im Weg stehen. Haben die sich falsch einsortiert oder bei der Anmeldung Fantasie-Werte angegeben? Es ist doch wohl für keinen der Beteiligten schön, wenn man sich wie im morgendlichen "Stop an Go Verkehr" fühlt. Ihr Walker! Lest das hier bitte mal! Ein Walking Marathon wurde nicht angeboten! Und überhaupt... wie kommt Ihr in den Block B? Ich habe nichts gegen Walker. Auch Inliner und Rollsthul-Marathon sind ein schönes Erlebnis. Auf großen Veranstaltungen wie dem Karstadt Marathon werden diese Disziplinen angeboten, dann aber mit gesonderten Startzeiten.


Wir starteten am Hafen in Richtung Westen. Nach den ersten zwei Kilometern hat man die Walker hinter sich. Wenn man so weit hinten startet und Zeiten von unter vier Stunden anpeilt, dauert das Überholen aber noch eine ganze Weile. Nach etwa 3,5 Kilometern sah die Strecke einen U-Turn vor. Dann ging es zurück, am Startbereich vorbei ein kleines Stück in den Hafen, dann auf der Hauptstrasse parallel zur Promenade, dort wieder ein U-Turn, an der Kathedrale vorbei, die im morgendlichen gold-gelben Licht erstrahlt und schließlich, nach einer weiteren scharfen Abbiegung in die Stadt, wo ich nach einigen Hin und Her nicht mehr wissen sollte, wo ich eigentlich gerade bin.



Kilometer zehn. Das Überholen nimmt kein Ende. Neben mir Menschen, die einen Halbmarathon laufen möchten (das erkennt man den andersfarbigen Startnummern), aber so klingen, als ob sie unter Asthma leiden.
Sich richtig einzuschätzen ist das A und O beim Ausdauersport. Dass kann man nur durch entsprechnde Erfahrungserte. Im Zweifel gilt "langsamer ist schneller". Klingt komisch - ist aber so! 2 Minuten am Anfang zu schnell sind 20 Minuten am Ende langsamer. Wer sich übernimmt, kann das Tempo nicht halten und bricht unweigerlich ein.
Im Getümmel der Stadt sichtete ich Katrin. Sie hatte mich offensichtlich nicht so schnell erwartet und versuchte hektisch den schon etwas altersschwachen digitalen Fotoapparat in Betriebsbereitschaft zu versetzten. Der braucht so ein paar Sekündchen. So lange will ich natürlich nicht warten. Fotos sind so wichtig auch wieder nicht und es sollten sich hierfür noch andere Gelegenheiten auf der Strecke oder nach dem Lauf ergeben. Dafür, sie stand gerade so günstig, habe ich ihr aber spontan ein Küsschen spendiert und war dann auch schon wieder im Strom am schwimmen.Bei Kilometer 20 trennten sich die Wege der Marathonis von dem der Halben, die sich auf den Endspurt vorbereiteten. Unter den Asthma-Kranken gab es aber nicht wirklich viele, bei denen man auch nur ansatzweise eine Erleichterung zu spüren war. Zu hoch haben sie gegen ihren eigenen Körper gepokert. Ich will nicht spotten, denn auch bei einem halben Marathon kann man sich schnell in seiner Tagesform vertun. Und wie es mir knapp 2 Stunden später ergehen sollte, war zu diesem Zeipunkt ja auch noch nicht klar.


Ab jetzt wurde es einsam. Ziemlich genau 10 Kilometer ging es entlang einer Strasse parallel zur Promenade. Ohne Meerblick und ohne Passanten deren Klatschen und Rufen einen so manchen Schritt nicht spüren lassen. Ich bin alleine. Der nächste Läufer ist etwa 100 Meter vor mir. Hinter mich schaue ich nicht. Bis jetzt war ich immer noch am überholen. Warum also umdrehen? Langsam taste ich mich an den einen ran. "An dem bleibe ich einfach dran und nutze seinen Windschatten" , denke ich mir. Kaum laufe ich aber hinter ihm, schere ich auch schon wieder aus um mich bis zum nächsten vorzuarbeiten. Der ganze schöne Windschatten nützt nichts, wenn man nicht sein eigenes Tempo laufen kann. Ab etwa 20 Kilometern, so habe ich es bei mir beobachtet, ist das wichtigste "rund" zu laufen. Und das geht eben am Besten, wenn man sich von keinem anderen Abhängig macht.


Ich lief ca. eine halbe Stunde so ganz alleine weiter, hoppe von einem Grüppchen zum Nächsten und wurde plötzlich auf mein Lauf-Shirt angesprochen. "Das ist aber schon ganz schön alt". "Das passt aber farblich so gut" erwiederte ich. Ich trug mein Finisher T-Shirt vom Münster-Marathon September 2004. Dieses weiße T-Shirt mit grau-orangener Aufschrift passt wirtlich gut zu der weiß-orangenen Startnummer, die wir trugen. Und in diesem Jahr hatte mich dieses T-Shirt zu meiner Best-Zeit in Münster gebracht. Vielleicht wolte ich damit aber auch nur meinen Stolz ausdrücken, dass ich schon ein "alter Hase" bin (dies ist mein 9. Marathon). Man unterhielt sich noch eine Weile. Ich erfuhr von meinem Gegenüber, dass er allein in diesem Jahr schon zehn Marathons glaufen sei. Darunter einer der schwersten Ultra-Marathons überhaupt. Der K-72 Lauf von Davos, ein 72 Kilometer Berge-Ultra-Marathon mit unglaublich vielen Höhenmetern. Toll. Mein Stolz war davon und ich beschloss den Ultra-Marathon-Mann ziehen zu lassen. Gute zehn Minuten später merkte er, dass ich immer noch an seinen Fersen hänge. Wieder verwickelte er mich in Gespräche. Mir war aber das Reden zu aber anstrenged und ich wollte deshalb Abstand haben. Seitenstiche quälten mich seit einigen Minuten und ich lies mich erneut kommentarlos zurückfallen. Wieder in seinem Windschatten. Noch ein paar Schritte und ich hatte wie durch ein Wunde neue Energie. Ich zog an meinem Kontrahenten vorbei und beschließe mich nicht hängen zu lassen. Meine Uhr verriet mir, dass ich im Plan bin. Ich wollte, wenn es die Tagesform zulässt, meine Bestzeit angreifen. Aktuell war ist so ziemlich genau auf der Sekunde im Plan.


Bei Kilometer 30 war ein Wendepunkt. Ab hier sollte es an der Küste entlang zurück zum Start gehen. Ich glaube, auf der Höhe des Ballermanns 10 muss das gewesen sein. Genau hier überholte ich auch jemanden, der ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift "Mickie Krause" trug. Laufend rückte er eine Perücke auf seinem Kopf zurecht. Für meine Begriffe ein Spassvogel, der sich als Micky Krause ausgibt. Erst nach dem Zieleinlauf, dieser Jemand lief dann etwa eine viertel Stunde nach mir ein, erfuhr ich, dass es tatsächlich Micky Krause war, den ich beim Perücke-Richten sah. Zum Glück habe ich für Stars und Sternchen nichts über, so dass es mich auch nicht weiter ärgerte, ihn nicht erkannt zu haben.


Die letzten Kilometer waren erfahrungsgemäß hart. Ich versuchte mein Tempo zu halten und motivierte mich mit der Vorstellung, dass ich statt der letzten fünf noch zehn Kilometer vor mir hätte. Die Tatsache, dass ich mir die weiteren Kilometer auch noch zutraute, gab mir neue Kraft. Ich lief also weiter nach dem Motto "Anhalten gilt nicht, nur umfallen. Und umfallen tust Du nicht!". Das Tempo konnte ich tatsächlich halten. Meine Atmung war immer noch ruhig, wenn ich vielleicht auch streckenweise etwas angestrengt gewirkt haben mag. "Für fünf Kilometer ziehst Du Dir sonst nicht mal die Schuhe an" motivierte ich mich weiter. Und es funktioniert. Die nächste Ecke und die Kathedrale war zu sehen. Das sollen jetzt noch vier Kilometer sein? Es sollten. Aber man hat das Ziel vor Augen, fixiert sich darauf und hat so die Chance alles Andere zu vergessen. Das ist auch mein größtes Geheimnis: Ablenken! Solange man nicht über das Laufen nachdenkt, strengt es einen auch nicht an. Das funktioniert wirklich!
Die Kilometermarke 42 habe ich gar nicht mehr gesehen, dafür laufe ich aber etwa 200 Meter vor dem Ziel über eine dieser Matten, die die Zwischenzeiten messen. Der Chip, den man an den Schuh schnürrt, wird so von einem Computer erfasst und es ertönt ein deutlich zu hörendes "Beeep". "Ich habe noch Reserven" freue ich mich, nehme noch etwas Tempo auf und fliege mit einem selbstzufriedenen Dauergrinsen, dass vom vertraglichen Fotodienst gut festgehalten wurde, Richtung Ziel. Nicht die Medaille nahm ich zuerst in Empfang, sondern meine Freundin Katrin, die mich durch die Absperrung mit funkelnden Augen anstrahlte. Zu meiner Medaille sollte ich dennoch kommen, denn eine junge Frau lief bereits hinter mir her. "Muchos Gracias, danke sehr" bedankte ich mich und betrank mich mit Erdinger alkoholfrei.

Für mich selbst reichte es mit 3:37:06 immerhin für Platz 254 in der Gesamtwertung (Platz 30 in der Altersklasse M30).


Auch wenn mich die Zuschauerzahlen recht enttäuschten, dieser Tui-Marathon war ein besonderes Erlebnis für mich. Die Strecke ist ein Traum, mal abgesehen von den 10 einsamen Kilometern 20 bis 30. Das Wetter, dass sich nie so richtig zwischen Flut und Hitze entscheiden konnte, hatte mit max. 20 Grad und Sonne genau richtig gelegen. Ich habe meine Zeit um in diesem Jahr um ein weiteres mal verbessert, was ich nie geglaubt hätte. Kurz: Ich will nicht ausschließen, dass ich nächstes Jahr wieder in Palma dabei bin.


Mehr Fotos habe ich in einem Album veröffentlicht: Heiko Thoms Album zum Tui Marathon Palma de Mallorca 2007

Läuferweisheit

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